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Presseschau 2002

Musik mit Spaßfaktor

(VON STEFAN REISNER) RENNSTEIG - „Es ist wie bei Detlef, Det-lef, Det-lef. Ich schlage auf Det und du auf lef. Ist doch ganz einfach", sagt Uta. Detlef steigt vom Stuhl runter zu Uta. Jetzt stehen die beiden nebeneinander in der kleinen Schlagwerk-Gruppe, die an George Bizetzs L'arlesienne-Suite II übt. Frank, der eigentlich Marimbaphon spielt, dirigiert mit einem Paukenschlägel in der Hand eisern den Viervierteltakt.
Uta beißt sich konzentriert auf die Lippen, schaut mit ihren blauen Augen ganz genau auf das Dirigat und schlägt zaghaft die beiden Becken aneinander. Der Tamburin-Spieler Detlef, eigentlich Feuerspucker, kommt auch bei diesem Versuch wieder auf „Det", wieder auf die volle Zählzeit, wieder mit Utas Schlag zusammen und wieder ist er falsch. Die Erklärungen helfen nichts. Anja übernimmt sein Tamburin.
Die vier sind gemeinsam mit weiteren 60 Jugendlichen in der „Jugendbildungsstätte am Rennsteig". Hier treffen sie sich, proben, feiern und spielen für eine Woche zusammen. Danach stehen Konzerte in Zeulenroda und Ilmenau auf dem Programm. „Wir wollen Musik fürs Volk machen, nicht so streng und schwer. Der Spaß am Musikmachen soll auf das Publikum überschwappen", sagt Jens Kobe und spielt mit einem Fläschchen Trompetenöl herum. Er hat das LandesjugenSPASSorchester (LJSO) mit ins Leben gerufen. Am Tisch mit den anderen genießt er die letzten Sonnenstrahlen, steckt sich lässig eine
Gauloise an und beschreibt die Philosophie des LJSO.
Entstanden sei die Orchester-Idee bei einer Party in Stützerbach. „Dort haben so etwa zehn Leute eine Woche lang gefeiert. Dann kam irgendwann die Musik dazu, weil sowieso jeder ein Instrument spielte." So stehen jetzt Musik und Feiern im Mittelpunkt.
Als er aufgeraucht hat, holt er seine Trompete raus. Die Registerprobe der Bigband-Bläser fängt gleich an. Natürlich auch im Freien, weil im Probenraum noch die Schlagwerker üben.
Die letzte Nacht ging es durch den Wald. Nachtwanderung. Einigen sieht man die Müdigkeit noch an. Arvid aus der zweiten Geige legt sich nach seiner Probe schnell wieder ins Bett. Anja zieht es dagegen vor, im Freien zu schlafen. Die Lehramtsstudentin aus Dresden mit den rotgefärbten Haaren ist in ihren blauen Schlafsack eingemummelt und stört sich nicht daran, dass gerade fünf Meter weiter die Bigband-Bläser zu proben beginnen. Vier Saxofone, drei Trompeten, zwei Posaunen und ein Fagott machen schon einen Höllenlärm - musikalisch natürlich.
Nach den Einzelproben ist für die Streicher und Frank das Ma-rimbaphonkonzert von Rosauro an der Reihe. Im Probenraum, der gleichzeitig Essen- und Fetenraum ist, sitzen sie alle dicht bei dicht. So richtig passt die bunte Jugendtruppe nicht in den rustikalen Raum, der mit Holzvertäfelung, Geweihen und Fellen eine Rennsteigbauden-Idylle heraufbeschwört. Dem haben die Spaßorchesterleute aber ihr
Transparent provokativ entgegengesetzt. „Schlaf ich heut' nicht, schlaf ich morgen!" Das ist es, was gefällt. Musik machen, Spielen, Feiern. Der Rest kann warten.
Unter dem Plakat wedelt unterdessen Martin Lentz mit dem Taktstock. Er arbeitet an der Jenaer Musikschule und leitet das Spaßorchester schon seit seinem Bestehen. Er ist genauso gut drauf wie der Rest des Orchesters. „Ihr müsst die Stelle ,saftig' nicht ,saftsch' spielen und dürft nicht weglaufen wie 'ne Flasche Selters - bschüüü."

Alle lachen, wissen, was ihr musikalischer Chef damit meint und spielen mit neuem Elan.
„Nur was die Musik betrifft, leite ich die ganze Sache hier. Das andere organisieren die Leute selbst", erklärt der Musikschullehrer. Er bewundert die eigenständige Organisation und die Begeisterungsfähigkeit der Fans, die selbstverständlich mit dabei sind und kochen oder sonst mithelfen, wo sie können. Wie beispielsweise Uta, die zwar Klarinette spielt, im Moment aber nicht gebraucht wird. Sie ist so eine, die einfach mit dabei ist, weil es Spaß macht, die Leute zu treffen. „Manche von denen sieht man nur einmal im Jahr bei der Probenwoche", sagt sie und knetet den Teig aus fünf Kilo Mehl für die Pizza, die es heute Abend für die hungrigen Musiker geben soll.
Das LJSO ist am Sonntag um 15.30 Uhr mit dem Puppentheater „Der Riesenpilz" und um 17 Uhr mit dem Benefizkonzert in der Ilmenauer Sankt-Jakobus-Kirche zu erleben.
 


"Die Jugend von heute kann auch anders!" behaupten die Musikerinnen nicht nur, sondern leben dieses Motto. Die Sammlung von Geld für Kinder in Rumänien durch ihr Konzert gehört dazu. Foto: DOLGE

Das Thüringer LandesjugendSPASSorchester

Musik, weil's Spaß macht

Rennsteig (AA/gd). Dieses Orchester gibt es nur einmal im Jahr, und zwar dann, wenn sich eine bestimmte Anzahl junger Leute zwischen 15 und 25, von denen viele ein Instrument spielen, für eine Woche auf eigene Kosten in der "Jugendbildungsstätte am Rennsteig" einquartieren, täglich von 11 bis 22 Uhr Proben, um dann am Wochenende Konzerte zu geben. So auch in dieser Woche. Schülerinnen und Studierende aus Ilmenau, Weimar und Jena, aus Geraberg, Pennewitz, Gotha und Sondershausen, aber auch aus Berlin und Dresden gönnen sich diese aktive Woche, um dann als "Landesjugendspaßorchester" ihren großen Auftritt zu haben. Mit dabei sind einige Freunde und Helfer, wie z. B. "Michi" aus dem "Lindenhof" in Ilmenau, der für die Selbstversorger kocht. Spaß steht bei allem an erster Stelle, so dass auch romantische Lagerfeuer, FKK-Baden, Nachtgeländespiele und Tanzen bis in den Morgen zum "LandesjugendSPASSorchester" unbedingt dazu gehören. Dass dies für die musikalische Klasse keinen Abbruch bedeuten muss, davon kann man (und frau) sich am Sonntag, dem 22. September, ab 17 Uhr überzeugen. Den Spaß haben dabei Musiker und Zuhörer gleichermaßen.


Stilecht mit Perücke zu brasilianischer Komposition. FOTO: B. FRITZ

Hier gibt es die Musik nicht ohne Spaßfaktor

ILMENAU - Da sage noch einer, die Ilmenauer Sankt-Jakobus-Kirche sei nur zum Weihnachtsgottesdienst voll zu bekommen. Weit gefehlt. Auch die Musiker des LandesjugendSPASSorchesters (LJSO) schaffen das jedes Jahr aufs Neue.
Draußen vor der Kirche schieben sich derweil noch Menschenmassen durch die Straßen. Alle wollen noch etwas auf dem Herbstmarkt ergattern und dann schnell nach Hause und die erste Wahlprognose hören.
Doch die drinnen in der Kirche scheint das alles nicht zu interessieren. Akteure wie Zuhörer (beim LJSO muss man auch Zuschauer sein) gehen einen eigenen Weg. Ohne Kaufrausch am Sonntag und Hochrechnungs-fieber entziehen sie sich der gemeinschaftlichen Erregtheit. Die Musiker lassen die Zuhörer und -seher teilhaben an dem, was das Orchester so unverwechselbar macht: am Spaß beim Musizieren.
Das zeigt sich schon am äußeren Bild, wenn die Musikanten - bei dieser bunten Truppe sei der Ausdruck aus der Unterhaltungsbranche gestattet - wie in eine Arena einziehen, in festlichschwarzen Blusen und Hemden und buntscheckige Hosen gekleidet, oder wenn die Zuhörer sich ein Dirigat für 20 Euro erkaufen können und dieses Geld einem Kinderheim in Rumänien zugute kommt (120 Euro durch Dirigieren, 1000 Euro insgesamt), oder wenn danach die „Stüba"-Hymne erklingt, zu der es wie selbstverständlich gehört, dass alle eine bunte Kopfbedeckung aus Filz, Stroh oder Wolle unter dem Pult hervorzaubern und der Dirigent, Martin Lentz, mit Perücke und Sonnenbrille nun einen gänzlich anderen Typen verkörpert als den des rüschenbehemdeten Dirigenten. Es gehört dazu, dass der Spaß an der Musik nun auch das Publikum erfasst.
Zuvor jedoch können die Musiker auch anders. Ob beim ersten Satz der „L'arlesienne-Suite II" George Bizets, bei Felix Mendelssohn-Bartholdys „Hybriden-Ouvertüre" oder bei Jean Sibelius' „Karelia-Suite". Voll konzentriert und um Spannung bemüht, erfüllt das etwa sechzig Musiker zählende Orchester die Kirche mit einem satten Klang, merkt das Publikum den um Perfektion bemühten kollektiven Willen. Statt einem Lächeln ist auf vielen Gesichtern Ernst und Anspannung zu sehen.
Wenn es auch hier und da einmal im Blech oder Holz klappert, wenn das ein oder andere Streicherthema nur sehr schüchtern an das Ohr dringt - insgesamt stimmt die Musik und stimmt das Konzept.
Ganz anders musiziert Frank Babe das Konzert für Marimbaphon und Streichorchester des Brasilianers Ney Rosauro. Mit Perücke auf dem Kopf wird sein Konzert zu einer Show-Einlage sondersgleichen. Dennoch - er kann sich durchaus feiern lassen. Denn er versteht es, mal mystisch-geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen (2. Satz), mal eher schön dahinzuplätschern und Bilder von sonnenbeschienenen Palmenstränden der Copa-Cabana oder einer Amazonas-Bootsfahrt entstehen zu lassen (3. Satz).
Es ist gut, dass so viele Musikanten die Musik so locker nehmen und trotzdem etwas Wunderbares dabei heraus kommt. Weiter so! (naf)


ORCHESTER MIT SPASS: Nach dem ernsthaften Musizieren kam in der Sankt-Jakobus-Kirche mit wechselnden Dirigenten der Spass erst ganz zuletzt. TA-Foto: K.-H. VEIT

Spaß am Musizieren für guten Zweck

Benefizkonzert des "LandesjugendSPASSorchesters" in der Ilmenauer Stadtkirche

ILMENAU (it). Es war wirklich ein großes Benfizkonzert am Sonntag Nachmittag in der Ilmenauer Sankt Jakobuskirche. Groß war das Orchester in sinfonischer Besetzung, ebenso groß und abwechslungsreich das gut anderthalbstündige Programm, und großartig zeigte und verhielt sich das Publikum mit den vielen jungen Leuten, welches zu Häuf in die Kirche geströmt war.
Kein größeres Orchester — rein von der Anzahl der Musizierenden- als das „LandesjugendSPASSorchester" hatte in den letzten Jahren in der Jakobuskirche seinen Auftritt. Traditionsgemäß endet die jährliche Begegnungs- und Probenwoche der jungen Leute aus Thüringen und ganz Deutschland, welche sich durch das Musizieren und dem Spaß daran verbunden fühlen, mit öffentlichen Auftritten. Der Erlös dieser Benefizveranstaltungen wird einem rumänischen Kinderheim gespendet, das auf Hilfe von außen dringend angewiesen ist.
Wie ernst die jungen Musiker im Alter von 16 bis 36 bei allem Begegnungsspaß das Musizieren nehmen, war schon in der Begrüßungsformel der sympathischen Holzbläserin zu merken. Als Landesjugendsinfonieorchester stellte sie die Formation vor und korrigierte erst auf Zuruf den Freud'schen Versprecher.
Das verwunderlich Erstaunenswerte bei diesem recht bunt zusammen gewürfelten Klangkörper von Berufsmusikern, Musikstudenten- und Laienkünstlern ist, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit zum wirklich famos agierenden Orchester formieren können. Dies mag bei gegebener musikalischer Befähigung wohl am Willen der Beteiligten und an der Führungskunst des Dirigenten Martin Lentz liegen, mit einem anspruchsvollen sinfonischen Programm, einschließlich Jazzpart, vor Publikum zu treten. Dieses war nach einer Bizet-Suite als Eingangsstück und einer Mendelssohn Bartholdy-Ouvertüre hell begeistert vom Auftritt des Marimbaphon-Solisten Frank Babe. Als musikalischer Höhepunkt gestaltete sich die dreisätzige Orchestersuite „Karelia", op.ll (1893) von Jean Sibelius. Den musikalischen Bildern einer vorbei ziehenden Blaskapelle, dem melancholischen Liebeslied-Mittelsatz und einem turbulentem Volksfest verlieh das Orchester lebhaftesten Ausdruck. Zum Spaß für das Publikum kam es erst am Konzertende, als für einen Obolus von 20 Euro die Dirigenten am Pult wechselten und dem Orchester sogar per Taktstock den eigenen Willen aufzwingen konnten. Die Vorfreude auf einen Auftritt im nächsten Jahr nahmen Musiker und Zuhörer mit nach Hause.